Ein Tag im (Sammler-) Paradies

Welcher HSV-Fan und insbesondere welcher HSV-Sammler, ob nun Trikots oder sonstige Devotionalien, träumt nicht davon, einmal einen Blick in das Archiv des HSV Museums werfen zu dürfen. Dieses Glück war mir Ende März beschieden, als ich von Niko Stövhase, dem Leiter des HSV-Museums, eingeladen wurde, einen Blick auf die Trikotsammlung des Museums zu werfen.


Niko und ich kennen uns seit einigen Jahren. Bereits bei den Arbeiten zu meinem Buch „Mit der Raute auf der Brust“ unterstützte er mich 2020 mit seltenen Exponaten aus dem Museumsbestand und richtete im Mai 2022 großzügig die Buchpräsentation in den Räumlichkeiten des Volksparkstadions aus. 

Bei einem Wiedersehen Anfang 2026 bat er mich, rund 25 neu hinzugekommene Trikots des Museums einzu-ordnen. Im Zuge dieser Sichtung schilderte er mir zugleich eine weitere Herausforderung: Aufgrund personeller Veränderungen liegt die Authentifizierung der umfangreichen Trikotsammlung inzwischen in seiner Verantwortung – eine Aufgabe, die erheblichen Zeit- und Rechercheaufwand bedingt. Daher war es für mich selbstverständlich, dass ich ihm seine Bitte nach Unterstützung nicht abschlagen konnte und natürlich auch nicht wollte.

Bei unserem nächsten Treffen Ende März begannen wir dafür mit einer digitalen Sichtung des Bestands, um prüfungsbedürftige Trikots für eine spätere Archiv-kontrolle auszuwählen. Schnell entwickelten sich intensive Diskussionen über die Abgrenzung von matchworn Trikots, Spielerversionen und Fan-shopvarianten. Denn - nicht nur in den (verflixten) sieben Jahren der 2. Bundesliga waren die Fanshopversionen auch die Trikots, in denen die Spieler bei Pflichtspielen auf den Platz gingen. Dieser Umstand war bereits Ende der 1990’er der Fall. Unter anderem in der Saison 1995/96, als man zwar mit einer Spielerversion in die Saison startete (auszumachen am Kragenknopf und dem gefilzten Sponsorenflock), aber im weiteren Saisonverlauf auch in den Fanshopversionen spielte. Es gehören also auch eine Reihe von Fanshoptrikots in eine vollständige Trikotsammlung.

Am Nachmittag setzte sich die Arbeit im Archiv fort. Dort traf ich auf Angelika, die langjährige ehrenamtliche Mitarbeiterin und zentrale Stütze des HSV-Archivs. Sie hat über Jahre hinweg mehrere hundert Trikots nicht nur inventarisiert, sondern jedes einzelne professionell dokumentiert – inklusive Fotoaufnahmen von Vorder-, Rück- und Seitenansichten sowie detaillierten Angaben zu Herkunft und Besonderheiten. Ebenso beeindruckend ist die konservatorische Aufbewahrung: Jedes Trikot wird einzeln in Stoffvlies verpackt, etikettiert und systematisch in grauen Archivboxen gelagert. 

 

Gemeinsam überprüften wir rund 20 zuvor ausgewählte Trikots. Dabei traten vereinzelt Unstimmigkeiten zutage, etwa bei abweichenden Nummernflocks oder ungewöhnlichen Applikationen, die trotz gesicherter Provenienz weitere Recherchen erforderlich machen. Einige Fragen mussten an diesem Tag bewusst offenbleiben und sollen künftig vertieft geklärt werden.

 So zum Beispiel der Flock der Rückennummer des roten Ausweichtrikots 2013/14 von Pierre Michel Lasogga, der deutlich größer ausfällt als bei den anderen Exemplaren desselben Trikots von Rafa und DD2. Obwohl alle Trikots aus unzweifelhafter Quelle stammen, konnten wir diese Frage nicht beantworten.

Ebenso rätselhaft erschien uns ein Heimtrikot von Rafael van der Vaart aus der Saison 2007/08, das sowohl den Fly Emirates Flock als auch die Rückennummer in Form zweier riesiger Aufkleber auf der Vorder- bzw Rückseite hatte. Insbesondere verwunderlich für uns war, dass Rafas Rückennummer auf der Rückseite unter dem Aufkleber durch-schimmerte. Der einzige Unterschied waren die Rauten in den aufgeklebten Nummern.

 

Im Anschluss erhielt ich einen umfassenden Eindruck vom weiteren Archivbestand. Meterhohe Regale beherbergen Bücher, Zeitschriften, Presseartikel und Dokumente aus nahezu 140 Jahren Vereinsgeschichte. Hinzu kommen Pokale, Trophäen und zahlreiche weitere Memorabilien. Besonders bemerkenswert ist dabei die systematische Sammlung von Auto-grammkarten sämtlicher HSV-Spieler sowie ein separater Schrank mit Fußballschuhen ehemaliger Profis, der die technische Entwicklung des Fußballschuhs über Jahrzehnte hinweg eindrucksvoll dokumentiert.

 

Nach einem ganzen Nachmittag im Archiv war es schließlich an der Zeit, Angelikas Arbeitstag nicht weiter zu verlängern. Mit einem letzten Blick auf die sorgsam verwahrten Schätze verließ ich das Sammlerparadies – in der Hoffnung, bald erneut zurückkehren zu dürfen.